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in uno omnia setzt Amélie Esterházys Auseinandersetzung mit den Modellen fort, durch die Menschen versuchen, sich in einer komplexen Welt zu orientieren. Karten, Diagramme, kosmologische Systeme und wissenschaftliche Ordnungen erscheinen dabei nicht als neutrale Abbilder, sondern als Versuche, Zusammenhänge herzustellen und aus Einzelbeobachtungen eine Vorstellung des Ganzen zu entwickeln.
Der Titel in uno omnia – im Einen alles – geht auf den Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602 – 1680) zurück und verweist auf die Vorstellung, unterschiedlichste Wissensgebiete ließen sich in einem übergeordneten Zusammenhang verbinden. Zugleich liegt darin der Anspruch, aus der Fülle des Einzelnen ein Ganzes erfassen zu können. Die Ausstellung greift diese Vorstellung auf, ohne ihr eine feste Ordnung entgegenzusetzen: Strukturen überlagern sich, werden zerlegt, wiederholt und neu zusammengesetzt.
Kirchers Versuch, Wissen zu sammeln, zu ordnen und in universalen Systemen miteinander zu verbinden, bildet dabei einen historischen Bezugspunkt. Seine Karten und Diagramme verknüpften Kosmos, Natur, Sprache und Körper – getragen von der Vorstellung, aus der Fülle des Wissens ein Ganzes erschließen zu können. Doch die enorme Menge an Informationen führte nicht zwangsläufig zu Erkenntnis; Kircher zog aus seinen Beobachtungen immer wieder spekulative oder falsche Schlüsse. Gerade darin erhält sein Denken eine überraschende Aktualität: Die Verfügbarkeit und Ordnung von Wissen bedeutet noch nicht, daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können.
In der Figur der Maria Knotenlöserin erscheint Wissen als etwas, das sich nicht allein abstrakt erschließen lässt. Die weibliche Heiligenfigur begegnet dem Knoten – als Bild für ein komplexes, zunächst unlösbar erscheinendes Problem – mit den Händen. Verstehen und Lösen werden damit zu einem körperlichen, haptischen Vorgang: berühren, verfolgen, entwirren und neu ordnen. Neben Karten, Diagrammen, Sammlungen und universalen Wissenssystemen erscheint so eine andere Form der Orientierung, die Zusammenhänge nicht aus der Distanz überblickt, sondern sich ihnen unmittelbar nähert.
Diese unterschiedlichen historischen, abstrakten und körperlichen Formen des Ordnens und Erkennens erhalten in einer Gegenwart nahezu unbegrenzt verfügbarer Informationen eine neue Dimension. Algorithmische Systeme und künstliche Intelligenz können enorme Wissensbestände erfassen, ordnen und miteinander verknüpfen. Damit kehrt Kirchers Vorstellung eines universalen Wissenssystems unter veränderten Bedingungen wieder – ebenso wie die Frage nach seinen Grenzen. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht Thema der Ausstellung, sondern ein zeitgenössischer Resonanzraum für eine Frage, die sich durch die Arbeiten zieht: Führt die Verfügbarkeit von immer mehr Wissen tatsächlich zu mehr Erkenntnis und Verständnis?
Amélie Esterházy
Metamorphic Sentiments #3, 2015
Marmor
Ø 100 cm
Installationsansicht im Center of Advanced Studies (CAS-LMU), München, 2025/2026
©Siegfried Wameser

Siegfried Wameser